Dass ALBA BERLIN als Titelverteidiger in die neue Saison geht, fühlt sich immer noch etwas unwirklich an. Zu überraschend kam der fabulöse Gewinn der Meisterschaft 2026, der die dunklen Wolken einfach weggeblasen hat, die viele nach dem Abschied aus der EuroLeague über dem Hauptstadtclub ausgemacht hatten. Mit einem konsolidierten Aufgebot und dem Herz eines Champions im Rücken erscheint ein erneuter Titelgewinn aktuell eindeutig realistischer als vor einem Jahr.
Saisonziel: „Letztes Jahr ist vorbei“, sagt ALBA-Präsident Dr. Axel Schweitzer und richtet den Blick nach vorne: „Wir wollen nichts verteidigen, sondern weiter angreifen!“ Geschäftsführer Marco Baldi gibt etwas konkreter als Ziel aus, man wolle wieder „bis zum Schluss dabei sein“. Dafür müsste ALBA im Pokal und in der Liga das Finale erreichen.
Spielweise: Den Ton setzt bei den Berlinern auch in dieser Saison die aggressive Verteidigung, die nun schon seit vielen Jahren das Markenzeichen der Teams von Headcoach Pedro Calles ist – an die man sich an der Spree nach der Aito-Ära aber erst einmal gewöhnen musste. In der Offensive sucht ALBA wie gehabt das schnelle Zusammenspiel. Dass in dieser Saison in Jordan Ford ein dritter Spielmacher zur Verfügung steht, sollte dabei die Kreativität erhöhen.
Was ist neu: In der vergangenen Saison musste ALBA noch viel improvisieren, nachdem die vermeintlichen Schlüsselspieler Boogie Ellis und Martynas Echodas schnell wieder weg bzw. nie richtig angekommen waren. Das trotzdem am Ende herausgebildete Meisterteam ist jetzt jedoch im Kern zusammengeblieben. Wo es doch Veränderungen gab, passen sie gleichwertig oder sogar besser ins ALBA-Profil als ihre Vorgänger. Marco Baldi veranlasst dies, das neue Team sogar als ein „Wunschteam“ zu bezeichnen.
Die große Personalie: Ein Jahr lang verfolgten die Fans die Entwicklung von Jack Kayil mit einem lachenden und einem weinenden Auge, war es doch ausgemacht, dass das Ausnahme-Talent im Sommer in die USA entschwinden würde. Als sich dann doch eine Tür für den Verbleib öffnete, sprang ALBA über seinen Schatten, kaufte Kayil aus seinem Vertrag beim serbischen Club Mega Basket heraus und verpflichtete ihn selbst für fünf Jahre. Eine Win-win-Investition? Geht Kayil im nächsten Sommer in die NBA, wird eine nennenswerte Ablöse fällig – andernfalls hat ALBA langfristig einen außergewöhnlichen Publikumsliebling im Aufgebot.
Wichtigster Zugang: Joe Wieskamp war im Dress des Aufsteigers Jena über die volle vergangene Saison der statistisch effektivste Spieler in der easyCredit BBL und damit ein MVP-Kandidat. In Berlin passt der US-Amerikaner mit seiner großen Energie und Vielseitigkeit perfekt ins Team und bildet zusammen mit dem Finals-MVP Justin Bean ein auf den Positionen drei und vier wirbelndes Duo infernale, das immer für ein Double-Double gut ist.
Der Trainer: Pedro Calles betrat die BBL-Bühne vor acht Jahren mit einem Paukensachlag, als er den Aufsteiger Vechta ins Halbfinale führte und aus dem Stand Trainer des Jahres wurde. Bei den folgenden Stationen in Hamburg und Oldenburg bekam der Ruf des Spaniers in der Folge einige Kratzer, aber in der Hauptstadt hat er nun ein (spanisch geprägtes) Umfeld gefunden, in dem seine Qualitäten wieder voll zur Geltung kommen. Wie die Spieler auf dem Parkett harmonieren dabei auch die Trainer als Team, bei dem die Assistenztrainer Sebastian Trzcionka und Vladimir Bogojevic großen Anteil am Erfolg haben.
Der Anführer: Dass Martin Hermannsson das Kapitänsamt vor der vergangenen Saison an Jonas Mattisseck übergeben hat, sorgte für eine perfekte Arbeitsteilung. Auf dem Parkett kann der 32-Jährige sich jetzt voll auf seine Spielmacherrolle konzentrieren. Wie wichtig seine Spielübersicht für das Team ist, sah man vergangene Saison in den beiden Saisonphasen, in denen der Isländer verletzt ausfiel und ALBA prompt aus dem Tritt kam. Der gebürtige Berliner Mattisseck ergänzt ihn als defensive Speerspitze und hält die Mannschaft auch außerhalb der Halle mit Hingabe und großer Leidenschaft zusammen.

Zahlen, bitte: Jonas Mattisseck (26) und Malte Delow (25) spielen in der easyCredit BBL schon ihre zehnte bzw. achte Saison für ALBA, haben mit den Albatrossen bereits vier Meisterschaften gewonnen und prägen das Gesicht der Mannschaft. In der ewigen ALBA-Statistik (wettbewerbsübergreifend) fehlen Mattisseck nur noch 26 Spiele, um Henrik Rödl (512 Spiele für ALBA) vom ersten Platz zu verdrängen. In der easyCredit BBL ist der Kapitän mit 284 Spielen bereits jetzt Berlins am häufigsten eingesetzter Spieler, weil zu Zeiten der Legenden Rödl und Wendell Alexis in der Liga pro Saison deutlich weniger Spiele als heute absolviert wurden.
Der nächste Schritt: Der erst mit 17 Jahren vom Fußball zum Basketball gewechselte Norris Agbakoko holt seine Entwicklung weiter in großen Schritten nach und hat sein Spiel auch in der vergangenen Saison weiter verbessert. Für die neue Saison muss der 26-Jährige vor allem noch mehr Stabilität im Rumpf erlangen, um sich in der Zone besser durchzusetzen. Vielleicht entdeckt er – wie einst Johannes Thiemann – in Berlin ja auch den Dreier für sich? Im neuen Team ist er der einzige Spieler ohne Korbgefahr von außen.
Jung und talentiert: Hinter den zwölf Profis lauern in Berlin (beim Kooperationspartner Lok Bernau) eine Handvoll talentierter Youngster wie die NBBL-Champions Nevio Bennefeld und Richard Schmitt oder der ein Jahr jüngere Fin Borczanowski, die durchaus bereits für einige BBL-Minuten gut sind und Berlins Aufgebot in der Tiefe absichern.
Vermisstenanzeige: Michael Rataj mit seiner Vielseitigkeit und J'Wan Roberts mit seiner großartigen Verteidigung waren am Ende der vergangenen Saison ALBAs heimliche Helden im Endspurt zum Titel. Für Rataj (jetzt in Ulm) hat Berlins Sportdirektor Himar Ojeda im US-Amerikaner Brandon Angel bereits einen passenden Nachfolger gefunden. Die Suche nach einem Ersatz für den nach Nanterre (Vorort von Paris) gewechselten Roberts hält indes noch an – wohl auch, weil der Neue möglichst etwas größer sein soll und jeder Zentimeter im Basketball teuer ist ...
Bis zum Start der Saison 2026/27 am Freitag, den 18. September wird es auf der Liga-Homepage zu jedem Team eine Preview geben, wobei Braunschweig (Wildcard) und Hagen (Aufsteiger) zuerst vorgestellt werden und Berlin, München und Bamberg als Champion, Vizemeister und Pokalsieger als letztes.


















