Dieses Jahr sind mehr deutsche Spieler an einem US-College aktiv als je zuvor – viele von ihnen waren vorher bei einem BBL-Klub. Jetzt zum Start des NCAA-Tournaments schaue ich, wie für die bekanntesten die Saison gelaufen ist und wie ihre Zukunftsaussichten sind.
1983 habe ich mein erstes Finale im College-Basketball gesehen. Ein paar Tage nach dem Endspiel zwischen North Carolina State und Houston erhielt ich eine Videocassette mit der Begegnung und legte sie sofort in den Rekorder. Im nächsten Jahr saß ich das erste Mal live vor dem Fernseher. Mein Freund Pat Elzie konnte als Amerikaner AFN empfangen, den Sender für die in Deutschland lebenden US-Militärangehörigen. Wir verfolgten das große Centerduell, Georgetown mit Pat Ewing gegen Houston mit Hakeem Olajuwon, der damals nach Akeem Abdul Olujawon hieß. So war ich in den folgenden Jahren Beobachter vieler NCAA-Turniere und großartiger Spiele, wie dem Regional Final zwischen Duke und Kentucky 1992, das durch „The Shot“ von Christian Laettner entschieden wurde, oder dem Finale 1993, das Henrik Rödl mit North Carolina gegen Michigan gewann. Ich konnte so eine besondere Beziehung zum College-Basketball aufbauen. Deshalb freue ich mich auch jetzt schon unglaublich auf die March Madness.
Meine Erwartungen sind in diesem Jahr besonders groß, weil insgesamt 14 deutsche Spieler dabei sein werden. Was einerseits eine große Verlockung und Chance für die jungen Talente ist, hat andererseits zu einem Exodus aus der easyCredit BBL geführt. In Johann Grünloh, Ivan Kharchenkov, Sananda Fru, Jordan Müller, Dominykas Pleta und Malick Kordel sahen sechs der deutschen Tournament-Teilnehmer in der vergangenen Saison viele, überschaubare oder äußerst limitierte BBL-Minuten. Dazu kommen noch Spieler wie Hannes Steinbach, Elias Rapieque oder Jacob Patrick, die mit ihren Teams allerdings nicht beim Endturnier vertreten sein werden.
Diese BBL-Abgänge taten allesamt weh, weil sie nicht ad hoc zu ersetzen sind. Man kann aber keinem dieser jungen Männer einen Vorwurf machen, denn bekanntermaßen profitiert neben dem Erfahrungsschatz mittlerweile auch das Bankkonto. Allerdings müssen wir uns auch vor Augen führen, dass die NBA-Prospects unter ihnen ihre Zukunft ohnehin nicht in Deutschland gesehen hätten. Diejenigen, denen sich diese Perspektive nicht eröffnet, werden spätestens nach vier Jahren zurückkehren. Dann sollte ein Kreislauf funktionieren, der die Abgänge verschmerzbarer macht, weil ein Rückfluss in die Bundesliga stattfindet.
Ich möchte die 14 Tournament-Spieler in drei Kategorien unterteilen: einerseits die Jungs mit NBA-Perspektive, andererseits die, die vermutlich nach Ende ihrer College-Karriere (wieder) in deutschen Hallen zu sehen sein werden. Dazu habe ich noch drei Akteure, die ich dazwischen einordnen würde. Zwei Spieler kann ich nicht bewerten, weil ich sie zu wenig kenne. Dwayne Koroma hat für UConn in 16 Spielen auf dem Parkett gestanden und dabei 1,5 Punkte im Schnitt erzielt. Ich kann den Berliner aber ebenso wenig einschätzen wie den ehemaligen U20-Nationalspieler Johnnie Walters, der für die University of Pennsylvania sogar nur vier Einsätze zu verzeichnen hatte.
Die NBA im Visier
Alle Spieler, die ich in dieser Kategorie verorte, spielen in Top-Programmen. Ich beginne mit Johann Grünloh, der an der University of Virginia studiert. Der letztjährige Vechtaer teilt sich die Minuten auf der Center-Position mit Ugonna Onyenso, der über ein ganz ähnliches – defensiv geprägtes Profil – verfügt. Allerdings ist der Nigerianer ein Senior und wird in der nächsten Saison nicht mehr dabei sein. Das wird hoffentlich dafür sorgen, dass Grünloh offensiv mehr Touches erhält, die er benötigen wird, um seine NBA-Chancen zu verbessern. Nach der starken Leistung und knappen Niederlage im ACC-Finale gegen Duke ist Virginia ein tiefer Run im Tournament zuzutrauen. Es gibt Experten, die die Cavaliers sogar im Final Four sehen.
Im letzten Jahr hielt sich lange das Gerücht, dass Ivan Kharchenkov für die laufende Saison nach Ulm wechseln würde. Der 19-Jährige entschied sich anders und unterschrieb an der University of Arizona. Dort ist er aus der Rotation eines der besten College-Teams als Edelrollenspieler nicht wegzudenken. Die Schlagzeilen gehören Brayden Burries, Koa Peat und Jaden Bradley, aber der frühere Münchner liefert den Klebstoff, der dieses Team zusammenhält. Wenn das genannte Trio im Sommer die Wildcats verlassen wird, was wahrscheinlich ist, sollte der deutsche Flügelspieler in der nächsten Spielzeit auch mehr als Scorer gefragt sein, was ihn in den NBA-Draft 2027 bugsieren kann. In dieser Saison ist der Titel möglich. Dafür müssen die Leistungsträger aber gesund bleiben, weil die Rotation mit siebeneinhalb Spielern überschaubar ist.
Christian Anderson und Texas Tech ist trotz einer starken Saison leider kein erfolgreiches Turnier zuzutrauen. Mit JT Toppin fällt Andersons Co-Star aus. Zwar kehrt der deutsche Spielmacher nach seiner Verletzung für den Tournament-Auftakt zurück, aber ich glaube, dass die Texaner am zweiten Wochenende nicht mehr im Wettbewerb sein werden. Anderson hat eine überragende Saison absolviert und sich als einer der besten Spielmacher im College-Basketball etabliert. Mit 7,6 Assists ist er der drittbeste Vorbereiter im ganzen Land. Dazu trifft der Marathon-Mann (über 38 Minuten pro Begegnung!) 42,5 Prozent seiner Dreier, was zu knapp 19 Punkten pro Partie führte. Der 19-Jährige steigerte sich noch einmal deutlich im Vergleich zu seiner überzeugenden Freshman-Saison und dürfte im Sommer in der ersten Runde gedraftet werden.
Während Anderson in den USA aufwuchs, wechselte Eric Reibe 2023 als High-School-Spieler in die Vereinigten Staaten. Der Linkshänder avancierte zum McDonald’s All-American und spielt mittlerweile an der University of Connecticut, wo er einer der wichtigsten Bankspieler ist. Auch er sollte – wie Grünloh und Kharchenkov – in seinem zweiten Jahr größere Anteile erhalten, wenn Senior Tarris Reed Jr. nicht mehr da ist. Deshalb ist es auch für ihn auf jeden Fall empfehlenswert, noch mindestens eine weitere Saison am College zu verbringen, um an seinem Skill-Set und an seiner Athletik zu feilen. UConn geht als zweiter Seed im East Regional ins Rennen, muss aber wahrscheinlich den Topfavoriten Duke ausschalten, um das Final Four zu erreichen. Die Chancen sind allerdings realistisch, auch weil die Blue Devils derzeit Verletzungssorgen plagen.
Wohin führt der Weg?
Sananda Fru wurde von der NCAA nicht als Freshman, sondern als Junior eingestuft, weil zwischen dem Erwerb der Hochschulzugangsberechtigung und dem College-Start mehr als ein Jahr lag. Nach seiner starken letzten Saison in Braunschweig, die ihm die Auszeichnung als bester deutscher Nachwuchsspieler einbrachte, läuft er jetzt für die University of Louisville auf. Fru überzeugt als bester Rebounder und Shotblocker seines Teams. Aber aufgrund seines Alters von 22 Jahren ist die NBA-Perspektive mit einem Fragezeichen versehen. Scouts, mit denen ich gesprochen habe, sehen bei ihm für dieses Level auch athletische Defizite. Das ist für uns Europäer nur schwer nachzuvollziehen, weil er in Deutschland genau in diesem Segment herausragte. Aber die NBA ist diesbezüglich ein anderes Paar Schuhe. Seinen Cardinals fehlt zum Tournament-Auftakt Mikel Brown Jr., und im Falle eines Sieges ginge es in der zweiten Runde gegen Michigan State. Das sind nicht die besten Aussichten!
Mathieu Grujicic und Declan Duru verfügen über einige Gemeinsamkeiten. Sie gehören dem gleichen Jahrgang (2007) an, wurden früh als potenzielle NBA-Spieler gehypt, wechselten in jungen Jahren zu den spanischen Edelklubs (Grujicic 2023 zum FC Barcelona und Duru sogar schon 2020 zu Real Madrid), wo sie sogar Minuten in der Euroleague erhielten, und haben jetzt in ihrem ersten College-Jahr deutlich unter den Erwartungen agiert. Grujicic hat er in der gesamten Saison für Ohio State nur 31 Minuten auf dem Parkett gestanden, sodass er ernsthaft über einen Transfer im Sommer nachdenken sollte. Duru spielte in der First-Four-Begegnung gegen NC State keine Sekunde und zuvor auch in nur zwölf Partien limitierte Zeit für die University of Texas. Dabei war weder seine Rolle noch seine Position klar definiert, sodass auch er sich mit einem Wechsel befassen muss. Ohio State hat zuletzt zwar gut gespielt, befindet sich aber in einem toughen Bracket. Für Texas dürfte es noch schwerer werden, im Tournament für Furore zu sorgen.
Rückkehr nach Deutschland wahrscheinlich
Im Gegensatz zu Grujicic hat sich sein Teamkollege Christoph Tilly etabliert. Der Center legt 11 Punkte und 4,7 Rebounds auf. Dabei profitiert der 22-Jährige als Senior von den Erfahrungen, die er in den drei Spielzeiten zuvor an der University of Santa Clara sammeln konnte. Im Sommer sollte es einige Interessenten aus Deutschland für den Big Man geben.
Jake Ensminger spielt bei Tillys Ex-Team eine ganz wichtige Rolle. Mit seinem hohen Basketball-IQ und seinen Allorundfähigkeiten fungiert er als eine Art Point Forward für die Broncos. Der 22-Jährige kann noch eine weitere Saison am College spielen und dürfte im Sommer 2027 mehr als bereit sein, in der deutschen Beletage seinen Mann zu stehen. Das Bracket für das Tournament ist extrem schwierig. Um das Regional Final zu erreichen, müsste man nach Kentucky auch noch Iowa State und Virginia schlagen!
Jordan Müller hat sich als Freshman für eine kleinere Schule entschieden und steht bei California Baptist immerhin 21 Minuten pro Begegnung auf dem Parkett. In Dominique Daniels Jr. haben die Lancers einen explosiven Scorer in ihren Reihen, weshalb sie hier und da als Team mit Überraschungspotenzial gehandelt werden. Aber die Hürde Kansas in der ersten Runde ist aus meiner Sicht zu hoch.
Auch Dominykas Pleta scheint eine gute Wahl getroffen zu haben. Der ehemalige Ludwigsburger kommt regelmäßig zum Einsatz. Auch wenn elf Minuten pro Partie nicht übermäßig viel sind, so spielt er sie doch in einer sehr guten Mannschaft. Iowa State ist für den ehemaligen BBL-Trainer Martin Schiller, der mittlerweile als Assistant Coach an der University of Utah arbeitet, ein Mitfavorit auf den Titel. Spätestens nach dem atemberaubenden Halbfinale gegen Arizona im Tournament der Big 12, das als das beste College-Spiel der Saison gilt, sollte man die Cyclones auf dem Schirm haben.
Die University of Michigan wird noch höher gehandelt und geht als Top Seed im Midwest Regional in den Wettbewerb, hat in Virginia und Iowa State aber harte Rivalen im Kampf um das Final Four. Malick Kordel, der im Sommer aus Frankfurt zu den Wolverines wechselte, gilt aufgrund seiner Länge von 2,16 Meter und des späten Basketballstarts mit 17 Jahren trotz seiner 22 Lenze als ein Projekt. Unter diesen Voraussetzungen dürfte die geringe Spielzeit von 54 Minuten in der gesamten Saison eingepreist gewesen sein. Es gilt, die Entwicklung in der nächsten Saison genau zu beobachten.
Kochs Nachschlag
Hier muss ich über einen Spieler schreiben, der leider nicht am NCAA Tournament teilnimmt. Hannes Steinbach ist nicht der einzige deutsche College-Spieler, der bei der March Madness zuschauen muss. Aber bei ihm ist es einfach besonders schade, denn er hat eine herausragende Freshman-Saison an der University of Washington gespielt, wo vor ihm schon Detlef Schrempf, Christian Welp und Patrick Femerling aktiv waren. Aller Voraussicht nach wird der 19-Jährige im Sommer in den Draft gehen und damit als dritter Würzburger nach Dirk Nowitzki und Maxi Kleber in der NBA auflaufen. Ein kleiner Hinweis für die Sportlehrer in Unterfranken: Schaut euch eure Schulanfänger genau an! Ist da ein großer Junge mit Bewegungstalent dabei? Nowitzki wurde 1984 eingeschult, Kleber 1998 und Steinbach 2012. Also, alle 14 Jahre ist es so weit!

Stefan Koch war zwei Jahrzehnte lang Headcoach in der ersten Liga und wurde 2000 und 2005 als Trainer des Jahres ausgezeichnet. Er erreichte mit seinen Teams regelmäßig die Playoffs und trat sieben Mal im Europapokal an. Sechs Mal nahm er am TOP FOUR teil und gewann 2000 mit Frankfurt den Pokal. Zudem war der Hesse drei Mal Headcoach des All-Star-Games.
Koch arbeitet aktuell als Kommentator bei Dyn, war früher auch als Experte und Kommentator für SPORT1, Premiere, Sportdigital, DAZN und MagentaSport tätig, sowie als Scout für die NBA. Im Podcast "Talkin‘ Basketball", der auf allen gängigen Plattformen abrufbar ist, sprechen er und Oliver Dütschke regelmäßig mit Protagonisten aus der deutschen Basketballszene. Seine Kolumne zum BBL-Geschehen findet sich bei uns regelmäßig hier im News-Center rechts unter der Rubrik "Kochs Nachschlag".



















