Wir nähern uns dem Ende der BBL-Saison, das leider mit dem Start der Fußballweltmeisterschaft kollidiert. Deshalb steht leider zu befürchten, dass die Finalserie zwischen dem FC Bayern Basketball und ALBA BERLIN in der medialen Berichterstattung nicht den Raum einnehmen wird, der ihr gebührt. Die breite Öffentlichkeit dürfte die Ergebnisse nur am Rande zur Kenntnis nehmen, aber wir als Basketballgemeinde werden uns mit voller Aufmerksamkeit dem Titelrennen im einzig wahren Hallensport widmen.
Die Ausgangslage
Es ist das Aufeinandertreffen der Schwergewichte und trotzdem in vielerlei Hinsicht kein Duell auf Augenhöhe. Das Münchner Personalbudget ist ungefähr viermal so hoch wie das der Berliner, die Bayern gehören mittlerweile zum Inventar der EuroLeague, während die Albatrosse ihre erste Spielzeit in der Basketball Champions League absolvierten. Dort wussten die Schützlinge von Pedro Calles zu überzeugen und erreichten die Playoffs, aber das Final Four verpassten sie ebenso wie den nationalen Pokaltitel durch die Endspielniederlage gegen Bamberg. Wäre in der Vorschlussrunde die Revanche gegen die Oberfranken nicht gelungen, hätte man die Saison ergebnismäßig in befriedigenden Dimensionen einordnen müssen. Mit dem Einzug in die Finalserie verschiebt sich aber diese Einschätzung in den positiven Bereich.
Für die Bayern hingegen ist der Meistertitel Pflicht, um der inneren und äußeren Erwartungshaltung gerecht zu werden. Das bisherige Auftreten in den Playoffs war abgesehen von der Auftaktpartie im Halbfinale gegen Bonn dominant. In dieser Serie konnten die Münchner auch den Ausfall von Andi Obst verkraften, weil der MVP durch Xavier Rathan-Mayes exzellent vertreten wurde. Die aus meiner Sicht eher überbewertete Frage, ob Regeneration oder Spielrhythmus wichtiger ist, würde ich in diesem Fall eher zugunsten der ausgeruhten Bajuwaren beantworten. Während der Titelverteidiger zweimal den Besen auspackte, gingen die Hauptstädter jeweils über die volle Distanz. Zudem ist die Münchner Personaldecke so breit, dass Svetislav Pesic den Spieltagskader variieren kann.
Die Serie aus Münchner Sicht
München kann diese Finalserie aus einer Position der Stärke bestreiten. Das betrifft neben der individuellen Qualität auch die mannschaftliche Effizienz an beiden Enden des Feldes. Die Bayern liefern sowohl offensiv als auch defensiv die besten Werte der Liga. Im Hinblick auf die Berliner Stärke beim offensiven Rebound sollte der Hauptrundenprimus durch die Serie gegen Bonn vorbereitet sein. Aber die Berliner sind von außen deutlich gefährlicher als die Rheinländer. Nach von Partie zu Partie sinkenden Dreierquoten trafen sie im fünften Spiel gegen Bamberg 42 Prozent ihrer Würfe von Downtown. Dieser Wert kam zustande, weil die Berliner Ballbewegung wieder viel flüssiger als bei den Auswärtspartien in Oberfranken funktionierte. Hier muss ein Münchner Ansatzpunkt liegen. Über sehr viel Druck am Ball kann man den Rhythmus der Berliner Offensive massiv beeinflussen.
Die Serie aus Berliner Sicht
Können die Albatrosse die positiven Schwingungen vom Dienstag mitnehmen? Sie wären hilfreich für die Auftaktpartie, aber für den Serienverlauf spielen andere Faktoren eine größere Rolle. So müssen die Berliner ihr Fast-Break-Spiel dauerhaft etablieren und defensiv mit viel Aggressivität agieren. Das gelang ihnen im Halbfinale nur vor heimischer Kulisse. Um Meister zu werden, müssen sie es auch in München schaffen. Die Spielmacher Martin Hermannsson und Jack Kayil können sich keine Leistungsdellen erlauben, zumal ihnen in Nenad Dimitrijevic auf der Gegenseite der bislang effektivste Playoff-Akteur gegenübersteht. Der in der Bamberg-Serie so starke Michael Rataj eröffnet Berlin verschiedene Formationsoptionen (klein: Hermannsson, Kayil, Malte Delow, Justin Bean/Moses Wood, Rataj; groß: Kayil, Sam Griesel, Bean/Wood, Rataj, Norris Agbakoko), die gegen die auf dem Papier stärkeren Bayern einen wertvollen Flexibilitätsfaktor darstellen.
Kochs Nachschlag
München ist der Favorit. In den beiden Serien gegen Trier und Bonn haben es die Pesic-Schützlinge von Spiel zu Spiel besser verstanden, ihrem Kontrahenten seine Stärken zu nehmen. Berlin ist die zweitbeste Mannschaft der Liga und steht zurecht im Finale. Dennoch halte ich es für wahrscheinlich, dass der Titelverteidiger seinen „Threepeat“ ohne Playoff-Niederlage schafft.

Stefan Koch war zwei Jahrzehnte lang Headcoach in der ersten Liga und wurde 2000 und 2005 als Trainer des Jahres ausgezeichnet. Er erreichte mit seinen Teams regelmäßig die Playoffs und trat sieben Mal im Europapokal an. Sechs Mal nahm er am TOP FOUR teil und gewann 2000 mit Frankfurt den Pokal. Zudem war der Hesse drei Mal Headcoach des All-Star-Games.
Koch arbeitet aktuell als Kommentator bei Dyn, war früher auch als Experte und Kommentator für SPORT1, Premiere, Sportdigital, DAZN und MagentaSport tätig, sowie als Scout für die NBA. Im Podcast "Talkin‘ Basketball", der auf allen gängigen Plattformen abrufbar ist, sprechen er und Oliver Dütschke regelmäßig mit Protagonisten aus der deutschen Basketballszene. Seine Kolumne zum BBL-Geschehen findet sich bei uns regelmäßig hier im News-Center rechts unter der Rubrik "Kochs Nachschlag".


















