Die Finalserie hat wieder einmal bewiesen, dass Energie, Geschlossenheit und Teamwork eine höhere individuelle Qualität besiegen können. Mit München und Berlin trafen die besten Mannschaften der Hauptrunde aufeinander, aber nachdem die ohnehin favorisierten Bayern die Konkurrenz in den ersten beiden Serien mit dem Besen aus den Playoffs gekehrt hatten und die Berliner jeweils über fünf Spiele hatten gehen müssen, waren die Rollen klar verteilt. Was dann aber – vor allem in den letzten beiden Begegnungen – passierte, war schlicht und einfach der Wahnsinn. Im Prinzip stand der Meister der vergangenen zwei Jahre zwei Mal vor dem ersten Threepeat seiner Vereinsgeschichte, aber der Außenseiter aus der Hauptstadt legte selbst bei großen Rückständen einen unerschütterlichen Glauben und eine unfassbare Widerstandsfähigkeit an den Tag. Nach dem 42:52-Rückstand im vierten Spiel am Freitag konterten die Berliner im Glutofen der Max-Schmeling-Halle mit einem 19:0-Lauf und drehten die Partie. Mit ihrer körperbetonten und aggressiven Verteidigung gestatteten sie dem Titelverteidiger in der zweiten Halbzeit nur magere 16 Zähler.
Kaum jemand konnte sich vorstellen, dass den Bayern so etwas noch einmal widerfahren könnte. Doch genau dazu kam es am Sonntag. Zur Pause sahen die Münchner beim 47:27 bereits wie der Sieger aus, aber die Albatrosse kamen erneut zurück und legten nach dem Dreier vom Finals-MVP Justin Bean zum Ende des dritten Viertels die ersten 14 Punkte im Schlussabschnitt für einen 17:0-Lauf auf. Am Ende standen der 84:81-Sieg, der 3:2-Erfolg in der Serie und die zwölfte deutsche Meisterschaft. Es ist ein insgesamt überraschender Titel, sogar ein sensationeller, wenn man den Verlauf der letzten beiden Begegnungen betrachtet. Und es ist große BBL-Historie: Zum einen, weil die Berliner neben Frankfurt (2004) der einzige Meister sind, der in den Playoffs über die volle Distanz von 15 Spielen ging. Zum anderen und vor allem aber, weil ihnen ihr Coup auswärts gelang. Das BBL-Finale wird seit 1988 als Best-of-five-Serie gespielt, und in den bis dato zwölf fünften Endspielen gewann immer das Heimteam – aber dann kamen der 21. Juni 2026 und die Albatrosse in München aus der Halbzeitpause …
Die besondere Saison
„Berlin im Umbruch“, so hätte vor dieser Spielzeit die Aussage zum Entwicklungsstand von ALBA BERLIN lauten müssen. Ein kleineres Budget, ein kleinerer Kader und der Abschied aus der EuroLeague deuteten unmissverständlich darauf hin, dass die Hauptstädter ihre Ambitionen eigentlich hätten zurückschrauben müssen. Doch Routinier Martin Hermannsson proklamierte schon früh, dass man bei der Titelvergabe ein erhebliches Wort mitsprechen wolle. Der Kader verfügte aber zumindest auf den ersten Blick nicht über die dafür nötige Qualität. Als Boogie Ellis den Klub bereits im Oktober in Richtung Dubai verließ, standen die Berliner früh ohne den Spieler da, der als erste offensive Option angedacht war. Die Mannschaft steckte den Abgang weg und kompensierte ihn mit der Mentalität, allen Widerständen zu trotzen. In der Champions League und im Pokal stand sie dicht vor großen Erfolgen. Aber das Final Four in der BCL wurde trotz toller Auftritte genauso verpasst wie der Pokalsieg, als man im Finale gegen Bamberg auf den verletzten Hermannsson verzichten musste. In der Gesamteinschätzung hätte nun die Vizemeisterschaft aus meiner Sicht auf jeden Fall gereicht, um die Saison als erfolgreich einzustufen. Jetzt hat sie das Prädikat „traumhaft“ erhalten, auch weil Sportdirektor Himar Ojeda in Michael Rataj noch in letzter Sekunde das fehlende Puzzleteil für das Meisterschaftsrennen verpflichtet hatte.

Der Anteil der Eigengewächse
Im Saisonverlauf, in den Playoffs und im alles entscheidenden fünften Finale: Jack Kayil, Jonas Mattisseck und Malte Delow waren unverzichtbare Pfeiler des Berliner Gerüsts. In seiner ersten Saison als Kapitän präsentierte sich Mattisseck als emotionaler Leader und kämpferisches Vorbild. Im fünften Spiel lieferte er eine grandiose Vorstellung. Während seine Teamkollegen in der ersten Halbzeit Ladehemmung von der Dreipunktelinie verzeichneten, begann er das Spiel brandheiß und war mit seinen drei Dreiern hauptverantwortlich für den guten Berliner Start. Danach traf er auch noch seine nächsten drei Versuche, bevor er beim insgesamt siebten seine einzige Fahrkarte löste. Eine solche Leistung in der wichtigsten Partie der Saison aufzurufen, spricht für sich. Delow ist ebenfalls in der Rolle des Führungsspielers angekommen. In den entscheidenden letzten beiden Spielen stand er mit knapp 54 Minuten länger auf dem Parkett als jeder andere Albatros und lieferte mit zusammengerechnet 25 Punkten und 13 Rebounds Werte, die nur vom Finals-MVP übertroffen wurden. Wie der ein Jahr ältere Mattisseck holte der 25-jährige Allrounder bereits seine vierte Meisterschaft mit den Berlinern. Und bei allen Titeln gewannen sie die entscheidende Partie in München!

Auch Kayil ist ein Produkt der exzellenten Jugendarbeit von ALBA BERLIN. Der 20-Jährige, der nach Stationen in Vechta und in Serbien seine erste Saison bei den Profis in seiner Heimatstadt absolvierte, verfehlte am Sonntag seine ersten acht Dreipunkteversuche. Aber der Youngster traf den neunten, danach einen schwierigen Jumper aus der Halbdistanz und in der Schlussphase noch fünf wichtige Freiwürfe. Zehn Punkte, alle im Schlussviertel, waren das Abschiedsgeschenk des Megatalents, das jetzt in der NBA fußfassen möchte.
Der Finals-MVP
Der MVP stammt zwar nicht aus der eigenen Jugend, aber Justin Bean steht für alle Tugenden, die sich diese Organisation auf ihre Fahnen geschrieben hat. Sein Motor läuft grundsätzlich im hohen Drehzahlbereich, aber immer rund. Seine Leidenschaft ist ansteckend, aber nie unkontrolliert. Der Forward bietet einen reizvollen Mix aus Einsatz und Basketball-Skills. Dazu kommen sein freundliches Auftreten, seine reflektierten Aussagen und seine teamorientierte Einstellung. Vor drei Jahren trat er in große Fußstapfen, als er auf Klub-Ikone Luke Sikma folgte. Der 29-Jährige ist spielerisch ein anderer Typ, aber er versprüht die gleichen inspirierenden Vibes wie sein Vorgänger. 35 Punkte, 21 Rebounds, sieben Assists und drei Blocks in den beiden Spielen, in denen seine Berliner zum Siegen verdammt waren – das ist mal eine Ansage! Es konnte keinen anderen MVP geben!

Kochs Nachschlag
15 Playoff-Spiele in Folge verloren! Fünf Sweeps in Serie! Keine Zeitung verzichtete vor dem Start der Postseason darauf, die Negativserie von Pedro Calles zu erwähnen. Jetzt ist der Spanier Deutscher Meister und hat enormen Anteil an diesem Erfolg. Ich freue mich riesig für Pedro, dass er diesen Titel gewonnen und es allen Kritikern gezeigt hat! 2012 kam er als unser Athletik-Coach zu den Artland Dragons und legte danach eine atemberaubende Karriere hin. Nach zwei weiteren Jahren in Quakenbrück als Assistent von Tyron McCoy wechselte er dann nach Vechta, wo er 2018 in seiner ersten Saison als Headcoach kometenhaft aufstieg. In seiner ersten kompletten Spielzeit als Cheftrainer in Berlin hat er herausragende Arbeit geleistet. Seine Vorbildfunktion führte dazu, dass der Zusammenhalt, das Rollenverständnis und die Opferbereitschaft der Spieler im Saisonverlauf immer weiterwuchsen. Damit schuf er die Grundlage, dass dieses Team der „B-Nationalspieler“ (bitte nicht als despektierliche Äußerung missverstehen!) die A-Garnitur der Bayern besiegen konnte!
Unser Kolumnist
Stefan Koch war zwei Jahrzehnte lang Headcoach in der ersten Liga und wurde 2000 und 2005 als Trainer des Jahres ausgezeichnet. Er erreichte mit seinen Teams regelmäßig die Playoffs und trat sieben Mal im Europapokal an. Sechs Mal nahm er am TOP FOUR teil und gewann 2000 mit Frankfurt den Pokal. Zudem war der Hesse drei Mal Headcoach des All-Star-Games.
Koch arbeitet aktuell als Kommentator bei Dyn, war früher auch als Experte und Kommentator für SPORT1, Premiere, Sportdigital, DAZN und MagentaSport tätig, sowie als Scout für die NBA. Im Podcast "Talkin‘ Basketball", der auf allen gängigen Plattformen abrufbar ist, sprechen er und Oliver Dütschke regelmäßig mit Protagonisten aus der deutschen Basketballszene. Seine Kolumne zum BBL-Geschehen findet sich bei uns regelmäßig hier im News-Center rechts unter der Rubrik "Kochs Nachschlag".


















