Der Abstiegskampf ist nach dem ersten Rückrundenspieltag deutlich spannender und unübersichtlicher als zum gleichen Zeitpunkt der Vorsaison. 2024/25 ging die Liga mit nur 17 Teams an den Start, sodass lediglich ein Teilnehmer in den sauren Apfel des Abstiegs beißen musste, und da zudem die BG Göttingen bereits früh einen hohen Punkterückstand aufwies, gab es bei anderen Klubs kaum Anlass für hektische Betriebsamkeit.
Diese Saison ist der Druck, etwas zu verändern dementsprechend größer. So entließ das Schlusslicht aus Braunschweig nach der Niederlage gegen Heidelberg in dieser Woche seinen Trainer und reagierte auf die Verletzung seines Spielmachers. Am Wochenende steht für die Löwen mit dem Gastspiel in Hamburg das nächste wegweisende Kellerduell auf dem Programm. Zudem treffen mit den NINERS Chemnitz und dem ehemaligen Tabellenführer (!) SYNTAINICS MBC zwei Mannschaften im Ost-Derby aufeinander, die sich aufgrund ihrer aktuellen Niederlagenserien nach unten absichern müssen. Die ebenfalls gefährdeten Heidelberger und Vechtaer dagegen werden sich am 19. Spieltag mit den Topteams aus München und Berlin auseinandersetzen müssen. In meiner Bestandsaufnahme möchte ich mich auf die Klubs konzentrieren, die derzeit die Plätze 13 bis 18 einnehmen und unter anderem wegen eines gemeinsamen Problems im Tabellenkeller stehen: Sie sind defensiv die schlechtesten Mannschaften der Liga.
Die EWE Baskets Oldenburg haben sich mit sieben Siegen aus den letzten zehn Begegnungen eindrucksvoll konsolidiert, und Science City Jena weist zwar genauso viele Siege wie die Konkurrenten aus Chemnitz und Weißenfels auf, befindet sich aber nicht im freien Fall.
13. NINERS Chemnitz (14:22 Punkte)
Vieles bei den NINERS ist für mich nur schwer erklärbar. Dazu gehört auch, dass sie in der Liga schwächer auftreten als im Eurocup, wo sie am Mittwoch durch den Sieg gegen Trento die Knock-out-Phase erreichten. Die Verletzungsprobleme und die vielen Veränderungen im Kader – Chemnitz ist der einzige Klub, der bereits die erlaubten vier Male nachverpflichtet hat – tragen nicht zu einer Stabilisierung bei. So benötigt Aher Uguak nach seiner einjährigen Verletzungspause noch Zeit, und der aus Jena gekommene Eric Washington muss nach seinem Debüt in Hamburg integriert werden. Das Talentlevel dieser Mannschaft ist deutlich größer, als es der Tabellenplatz aussagt. Obwohl in Kevin Yebo, Amadou Sow und Yordan Minchev ein hervorragendes Big-Men-Trio zur Verfügung steht, rebounden die Sachsen unterdurchschnittlich. Chemnitz spielt die zweithöchste Pace der Liga. Passt das zu dieser Mannschaft? Vielleicht kann Rodrigo Pastore an dieser Stellschraube drehen, um das Potenzial besser auszuschöpfen?
14. SYNTAINICS MBC (14:22 Punkte)
Acht Spiele ohne Erfolgserlebnis – die Niederlagenserie der Weißenfelser ist noch länger als die von Schlusslicht Braunschweig. Trainer Marco Ramondino ist gegangen, für ihn sitzt bis zur Verpflichtung eines neuen Übungsleiters der Sportdirektor Silvano Poropat auf der Bank. Dazu kommt die Trennung von Ligalegende John Bryant und von Geschäftsführer Konstantin Krause nach dessen Kurzzeitengagement von knapp zwei Wochen. In beiden Fällen waren die Verlautbarungen nebulös, von Transparenz fehlte jede Spur. Was ist gerade los beim amtierenden Pokalsieger? Sportlich fehlt der verletzte Khyri Thomas, und das Defensiv-Rating ist (fast schon traditionell) das schlechteste der Liga. Mit dem Sieg gegen die Österreicher aus Kapfenberg blieb man unter der Woche in der European North Basketball League (ENBL) weiter ungeschlagen, ein spielerischer Aufwärtstrend war aber nicht erkennbar.
15. RASTA Vechta (12:24 Punkte)
Nur zwei Heimsiege bislang in neun Partien – was ist aus der Festung RASTA Dome geworden? Am Wochenende verzichtete Coach Christian Held gegen Frankfurt auf Ligatopscorer Alonzo Verge Jr., was man als Zeichen für interne Unstimmigkeiten werten kann. Nach der Partie gab der Verein Center Malcolm Dandridge ab – nachvollziehbar angesichts des Überangebots auf den großen Positionen: Tibor Pleiß, Philipp Herkenhoff, Lars Thiemann sowie die Combo Forwards Joschka Ferner und Luc van Slooten. Wie bei Chemnitz steckt mehr in diesem Kader, der aber möglicherweise über zu wenige Two-way-Player verfügt und über zu viele Spieler, die an einem Ende des Feldes ausgewiesene Stärken und am anderen Ende ausgewiesene Schwächen besitzen. Es muss klar werden, welche Fünfer-Konstellationen auf dem Feld funktionieren.
16. Veolia Towers Hamburg (10:20 Punkte)
Nachdem es lange Zeit zappenduster aussah, haben die Hanseaten nach drei Siegen in Folge die Abstiegsränge verlassen und befinden sich zudem in der komfortablen Situation, noch in drei Nachholspielen zusätzlich punkten zu können. Es scheint sich auszuzahlen, dass Towers-Boss Marvin Willoughby trotz der nicht enden wollenden Negativserie an Coach Benka Barloschky festgehalten hat. Allerdings war er auch bereit, neue Akteure zu verpflichten. In Martin Breunig kam ein deutscher Mentalitätsspieler, und Ross Williams und Devon Daniels liefern mittlerweile als beste Punktesammler. Durch die Steigerung der individuellen Qualität ist auch die kollektive gewachsen. Das zweitschlechteste Net-Rating spricht gegen die Hamburger. Aber es ist ein Abbild der bisherigen Saison und nicht der letzten Entwicklungen.
17. MLP Academics Heidelberg (10:26 Punkte)
Auch am Neckar können die Verantwortlichen erst einmal durchatmen. Mit drei knappen Siegen in Folge haben die Heidelberger wieder Anschluss gefunden. Eine große Rolle spielte dabei der nachverpflichtete Rückkehrer Ryan Mikesell, den diese Mannschaft offensichtlich als Führungsspieler benötigt. Noch wichtiger war aber Michael Weathers, um dessen Status zwischenzeitlich die wildesten Gerüchte kursierten. Der Amerikaner war verletzt, und nachdem sich der Verein nach nur zwölf Spielen von seinem Zwillingsbruder getrennt hatte, stellten Skeptiker die Frage, ob der 28-Jährige noch mit ganzem Herzen bei der Sache sein würde. Dieses Thema ist nach seinen Auftritten vom Tisch. Mit DJ Horne bildet er ein Guard-Duo, das sich eigentlich nur durch schlechtes Foulmanagement selbst aus dem Spiel nehmen kann. Um den Aufwärtstrend fortzusetzen, müssen die Heidelberger beim Defensiv-Rebound energischer zupacken.
18. Basketball Löwen Braunschweig (8:28 Punkte)
Die Leistung im Kellerduell gegen Heidelberg war angesichts der angespannten Personalsituation respektabel, aber das Ergebnis und die unbefriedigende Entwicklung der vergangenen Wochen zogen die Freistellung von Coach Kostas Papazoglou nach sich. Für den Griechen übernimmt übergangsweise Liviu Calin, der Entdecker und Förderer von Dennis Schröder. Der neue Big Man Simi Shittu hat in seinen ersten beiden Partien überzeugt. Geschäftsführer Nils Mittmann war schon länger auf der Suche nach einem neuen Guard und musste jetzt kurzfristig handeln, weil Barra Njie länger ausfallen wird. In Kaza Kajami-Keane konnten die Löwen einen erfahrenen Ersatz vom Ligakonkurrenten Chemnitz verpflichten, der aber in dieser Saison aufgrund von Blessuren bisher nicht in Tritt gekommen ist. Die Baustellen sind gravierend und vielschichtig. Das schlechteste Offensiv-Rating, das zweitschlechteste Defensiv-Rating und das zweitschlechteste Rebounding – auf den neuen Coach kommt viel Arbeit zu!
Kochs Nachschlag
Mir ist bewusst, dass ihr an dieser Stelle eine Prognose von mir erwartet. Ich gehe davon aus, dass es für Braunschweig am schwersten wird. Vielleicht bin ich mit Blick auf Chemnitz und Vechta zu blauäugig, aber in diesen Teams steckt aus meiner Sicht zu viel Talent. Deshalb sehe ich neben Braunschweig noch Weißenfels, Hamburg und Heidelberg als Mannschaften, die lange in den Kampf um den Klassenerhalt verwickelt sein dürften, wobei auch Jena bei aktuell vier Punkten Vorsprung auf einen Abstiegsplatz noch lange nicht sicher ist.

Stefan Koch war zwei Jahrzehnte lang Headcoach in der ersten Liga und wurde 2000 und 2005 als Trainer des Jahres ausgezeichnet. Er erreichte mit seinen Teams regelmäßig die Playoffs und trat sieben Mal im Europapokal an. Sechs Mal nahm er am TOP FOUR teil und gewann 2000 mit Frankfurt den Pokal. Zudem war der Hesse drei Mal Headcoach des All-Star-Games.
Koch arbeitet aktuell als Kommentator bei Dyn, war früher auch als Experte und Kommentator für SPORT1, Premiere, Sportdigital, DAZN und MagentaSport tätig, sowie als Scout für die NBA. Im Podcast "Talkin‘ Basketball", der auf allen gängigen Plattformen abrufbar ist, sprechen er und Oliver Dütschke regelmäßig mit Protagonisten aus der deutschen Basketballszene. Seine Kolumne zum BBL-Geschehen findet sich bei uns regelmäßig hier im News-Center rechts unter der Rubrik "Kochs Nachschlag".




















